12. Oktober 2020

INTERVIEW

“Leinen braucht Zeit”

Interview mit Reinhard Ruta, Inhaber der Leinenweberei Hoffmann

BETEILIGTE PARTNER

Leinenweberei Hoffmann

Wir haben Reinhard Ruta besucht und ihm einige Fragen zu seiner Arbeit gestellt. Er ist Inhaber der Leinenweberei Hoffmann GmbH & Co. KG. Die Leinenweberei ist in Neukirch in der Oberlausitz angesiedelt und ging 1905 aus der Mechanischen Weberei, Appreturanstalt, Konfektion und Kartonfabrik Schulze & Hoffmann hervor. Die Firma ist die letzte mechanische Leinenweberei überhaupt in Sachsen und deutschlandweit eine der ganz wenigen. Bis heute wird hier der einzigartige Oberlausitzer Leinendamast gewebt. 
Seit 2006 führt der Wirtschaftsingeneur Reinhard Ruta (bis 2016 gemeinsam mit einem weiteren Gesellschafter) den Betrieb.

Was haben Sie anders gemacht, dass es Sie noch gibt?

Der Wille, die Liebe zum Material. Ich habe den Betrieb vor 13 Jahren von der Familie Rentsch übernommen. Frau Rentsch, eine geborene Hoffmann, ist die Enkelin des Gründers dieses Unternehmens. Sie betrieben das Unternehmen noch bis 2006 und fanden keinen Nachfolger. Durch Interesse und Zufall habe ich diesen Betrieb entdeckt und die Wertigkeit der Produkte erkannt. Ich hatte das Gefühl, dass das Interesse an Qualität und Nachhaltigkeit Bestand haben muss. Das hat mich eigentlich zu der Idee bewogen, den Betrieb zu übernehmen und retten. So bin ich dann mit der Familie Rentsch ins Gespräch gekommen. Und so hat es sich dann ergeben, dass wir jetzt hier das 13. Jahr aktiv sind. Allerdings haben auch wir mit gewissen Schwierigkeiten zu kämpfen – nun noch verstärkt durch die Corona-Pandemie. Es ist nicht so ganz einfach. 

Es ist schon eine Gratwanderung für uns. Auf der einen Seite die Leinenproduktion: Sie müssen wissen, die Produkte, die wir hier fertigen, sind ja alle individuell gefertigt. Das betrifft vor allem Textilien wie Tischwäsche, Bettwäsche usw. Wir bedienen auch eine sehr große Sortenvielfalt an Geweben und an unterschiedlichen Farben und Mustern. 

Auf der anderen Seite fertigen wir Produkte für eine eher gewerbliche oder industrielle Nutzung. Man braucht ein zweites oder drittes Standbein. 

Wie entstehen Ihre Produktreihen? Gibt es individuelle Anfragen oder langfristige, bereits bestehende Partnerschaften?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt die Privatkunden, die hierherkommen oder uns im Internet entdecken und Produkte bestellen. Und es gibt die kleinen Einzelhändler und Onlinehändler. Den Großhandel bedienen wir eigentlich gar nicht, da wir hier Produkte anbieten, die sehr hochwertig sind und ein entsprechendes Preisniveau haben. Beispiel Hotelerie: es gibt durchaus Häuser, die sich speziell für unsere Produkte für den Hotel- oder Wellnessbereich interessieren. 

Arbeiten Sie noch mit Lochkarten oder ist alles computergesteuert?

Bisher ist hier fast nichts computergesteuert. Wir haben einige Webmaschinen neuerer Bauart von Dornier. Damit weben wir Muster und Gewebe aller Art, aber keine Jaquard-Gewebe. Diese werden noch mit Lochkarten auf alten Webmaschinen gemacht. Wir bekommen aber bald eine modernere Maschine, die computergesteuert ist.

Reinhard Ruta, Inhaber der Leinenweberei Hoffmann GmbH & Co. KG.

Das ist eine Lochkarte für einen Webstuhl. Durch die gestanzten Löcher, weiß der Webstuhl, wie er die Fäden führen soll. So entsteht das Muster des Gewebes.

Haben Sie ein Archiv?

Wir haben einen gewissen Vorrat an Mustern, aber kein Archiv.

Wenn man ein eigenes Muster produzieren lassen möchte, wie geht man vor? Früher wurden dafür Lochkarten geschlagen. Und heute?

Erst einmal braucht man den Entwurf eines Musters. Dabei muss man sich gut überlegen, ob es zum einen technisch funktioniert und zum anderen, ob es auch verkaufsfähig ist. Wir entwickeln vielleicht einmal im Jahr ein neues Muster, wie zum Beispiel die gemeinsame Entwicklung des sogenannten Mäandermusters mit dem Berliner Label Fortschritt. Sie haben das Muster geliefert, wir haben die Lochkarte machen lassen. 

Wie ist so eine Entwicklung preislich einzuschätzen?

Allein die Lochkarte kostet schon um die tausend Euro. Dann muss eine kleine Menge gewebt werden, um zu schauen, ob wieder etwas verändert werden mus. Da kostet die erste Rolle vier- bis fünftausend Euro. 

Wie genau kam die Kooperation mit Fortschritt Berlin zustande?

Die Berliner haben jemanden gesucht, der ein solches Muster auch in Leinen produzieren kann. Vorher hatten sie Muster für Wollgewebe entwickelt. Das Muster ist schwarz weiß, ganz stringent und erinnert ein bisschen an den Bauhaus-Stil. Nun wollten sie dies auch für Bett- und Tischwäsche umsetzen. Und wir haben es realisiert, da wir der Meinung sind, dass es bestimmte Interessenten und Liebhaber finden könnte. 

Woher kommt Ihr Rohstoff?

Leinengarn wird aus Flachs gesponnen, welcher in Europa wächst, vornehmlich in Frankreich und Belgien, teilweise auch in Holland und den baltischen Ländern Lettland, Estland oder Polen. Anbau in Deutschland gibt es kaum noch. 

Interessant ist, dass der Flachs heute in Europa zwar angebaut wird, aber das Garn kommt dann wiederum aus China, weil es dort die Spinnereien gibt. Diese Art der Arbeitsteilung ist nun eben der Stand der Dinge. Die letzte Leinenspinnerei gab es bis 2003 in Hirschfelde (Lausitz).

Der Gemeine Lein (Linum usitatissimum), auch Saat-Lein oder Flachs genannt. mehr auf Wikipedia. Aus den Stängeln der getrockneten Pflanze wird Flachsfaser hergestellt. Wie das geht, kannst du hier nachlesen.

Und warum wird in Sachsen oder Deutschland kein Flachs mehr angebaut? Wegen des Klimawandels?

Nein, das glaube ich eher nicht. Das Klima würde den Flachsanbau sogar ermöglichen. Die Weiterverarbeitung ist allerdings sehr aufwendig. Man müsste schauen, dass man hier die entsprechenden mechanischen Weiterverarbeitungsmöglichkeiten wieder verfügbar macht. Auch die politischen Entwicklungen sind nicht von der Hand zu weisen: Im Moment fördert die EU-Agrarpolitk vor allem Raps und Mais.

Flachs ist doch aber eine Vorfrucht von Mais – ginge das dann nicht doch?

Ja, es gibt eine bestimmte Fruchtfolge. Es ist allerdings so, dass man bei Flachs mindestens fünf bis sieben Jahre warten muss, bis man wieder dasselbe Feld damit bestellen kann. Flachs entzieht dem Boden bestimmte Mineralien und Nährstoffe. So ist der Anbau nicht jedes Jahr möglich, da sonst der Boden kaputt geht.

Man bräuchte vielleicht einen Verbund von bäuerlichen Flächen, die sich jährlich abwechseln?

Ja, so wird es in Frankreich seit Jahrhunderten gehandhabt. Dort gibt es große Anbauflächen und das günstige Meeresklima.

Was glauben Sie, warum hat sich der Flachsanbau in Frankreich gehalten? Ist dort ein anderes Bewusstsein vorhanden oder hat das traditionelle Gründe?

Ich denke wirklich, dass hat mit der jahrtausendealten Tradition zu tun. 

Es ist doch aber verwunderlich, dass diese Tradition in Deutschland nicht mehr forgeführt wird, wo sie doch ebenso alt ist.

Es gab ja hier in ganz Deutschland Flachsanbau. Man kann das auch gut an alten Begriffen und Sprichwörtern sehen, die die deutsche Sprache durchziehen. Die preisgünstige Baumwolle hat das Leinen dann irgendwann verdrängt.

Was ist besser oder vorteilhafter an Baumwolle, dass sie es geschafft hat, Leinen zu verdrängen?

Also ich sehe in vielen Textilien den Vorteil des Leinens. Das mag vielleicht bei einem Herrenhemd etwas anders sein, denn da braucht es ganz dünne und leichte Qualitäten. Doch für viele Heimtextilien, wie Bettwäsche, Tischwäsche, Handtücher, ist meines Erachtens Leinen das vorteilhaftere Material.

Was genau ist der Vorteil?

Es nimmt die Feuchtigkeit gut auf. Und es besticht durch seine Langlebigkeit, wenn man es entsprechend pflegt. Man muss dem Material Leinen natürlich eine gewisse Aufmerksamkeit zukommen lassen. Wir achten hier darauf – und da sind wir ziemlich kompromisslos -, dass die Qualität stimmt. 

Was sagen Sie Leuten, die meinen, Leinenbettwäsche kratzt?

Dass es nicht stimmt. Im Gegenteil: Leinen ist auf der Haut sehr angenehm. Viele sagen auch, dass Leinen knittert. Auch das ist eine Legende, die von der Baumwollindustrie geschürt wurde. (Baumwolle knittert übrigens auch.) Es ist in der Tat nicht ganz einfach, Leinen zu glätten. Es braucht nach dem Waschen eine gute Restfeuchte und sollte schön glatt aufgehangen werden. Dann ist es nach dem Trocknen relativ glatt. 

Müssen Ihre Webstühle speziell für Leinen eingestellt sein?

Nicht jeder Webstuhl kann Leinen produzieren. Herkömmliche Luftdrüsenmaschinen haben eine Geschwindigkeit, bei der jeder Leinenfaden reißen würde. Man braucht also einen langsameren Webprozess. Leinen braucht Zeit. Das habe ich schon immer gesagt. Schnell, schnell, zack, zack – das ist nicht gut. Das geht so vom Wachstum des Flachs über die bestimmten Prozess- und Produktionszeiten bis zum Nähen des fertigen Gewebes.

Webstühle in der Leinenweberei Hoffmann

Wo nähen sie Ihre Produkte?

Wir nähen alles hier bei uns im Haus in unserer Näherei.

Wie viele Beschäftigte arbeiten hier?

17, 18 Leute sind wir, je nachdem. Gerade haben wir wieder etwas mehr zu tun, deswegen werde ich das Personal wieder etwas aufstocken.

Kümmern Sie sich als kleiner Betrieb mit wenigen Beschäftigten auch um alles andere selbst, wie Kommunikation nach außen, Vertrieb, Verkauf usw.?

Ja, und das ist ein gewisser Nachteil, wenn man ein kleiner Betrieb ist. Wir verfügen leider  nicht über die Infrastruktur wie ein Betrieb mit beispielsweise 500 Beschäftigten, wo es eigene Abteilungen für Vertrieb und Marketing gibt.

Also ist das ein Problem? 

Ja, schon. Man braucht ja ein bisschen Kapital und Geld, um bestimmte Dinge auch finanzieren zu können. Gerade in der jetzigen Situation (Corona) ist das besonders schwierig. Zum Beispiel, wenn es darum geht an einer Messe teilzunehmen, überlegt man sich das eben zweimal. So ein Stand kostet vier- bis fünftausend Euro. Man muss vor Ort sein, ist in der Zeit nicht im Betrieb. Das sind Probleme für jemanden, der eigentlich alles selbst stemmen muss. Wir haben zwei selbstständige Handelsvertreter, die sich um den Verkauf der Produkte kümmern. Aber da geht es nicht um die Akquise von großen Aufträgen. 

Wo sehen Sie zur Zeit das größte Problem für sich als kleiner Betrieb?

Momentan ist es so, dass wir unter dem Umsatzeinbruch von März, April, Mai leiden. Wir haben auch teilweise Kurzarbeit angemeldet. Vorher gab es natürlich auch immer mal Probleme, z.B. mussten wir das Dach der Weberei reparieren lassen. Das hat sehr viel Geld gekostet. Auch wenn man Förderungen dafür bekommt, muss man mindestens 60% Eigenanteil aufbringen.

Das Gebäude, in dem wir hier stehen, ist von Anbeginn die Leinenweberei Hoffmann gewesen?

Ja. Seit 1905.

Stichwort Färberei: woher bekommen Sie ihre Garne?

Eine Färberei haben wir hier nicht.Teilweise kaufen wir schon gefärbte Garne oder wir lassen einfärben. Vorrangig kaufen wir Garne aus Italien. 

Hier sehen wir ein Bouclé Garn!

Wir verarbeiten das Bouclé hier zu dem sogenannten Leinenfrottee. Das ist ein spezielles Produkt von uns. Das haben wir nicht erfunden, aber nachempfunden von der Firma Pinguin in Bielefeld. Dort wurde die Produktion ca. 2006 eingestellt und wir wurden gefragt, ob wir das Bouclé weiter produzieren wollen. Die Entwicklung des Materials geht auf einen Sportarzt oder Sportbetreuer zurück namens Erich Deuser. Er hatte seinerzeit verschiedene therapeutische Dinge entwickelt, z.b. das Deuser-Band zur Therapie bei Gelenksverletzungen, oder ein Massagetuch. 

Das Material besteht zu 30% aus Baumwolle – einerseits der Kettfaden und andererseits die Baumwollseele, um die das Effektgarn herumgewickelt ist. Die Spindel dreht sich um die Baumwollseele herum und diese nimmt den Leinenfaden mit und wickelt ihn herum. Daraus ergibt sich dann diese Struktur. 

Es folgt ein Rundgang durch den Betrieb. Wir sehen die Produktionshalle mit ca. 30 Webmaschinen, die Warenschau, Näherei und Verpackung. An vielen Stellen spürt man den Geist der über hundert Jahre alten Produktionsstätte. Die Produktionshalle wird von einem Scheddach mit Tageslicht erhellt. Wir sehen verschiedene Gewebe aus Leinen, Baumwolle und auch Polyester.
Nicht alle Maschinen arbeiten. Herr Ruta sagt:

Wir hätten die Kapazität das Dreifache zu produzieren!

Würden Sie sich das wünschen?

Auf jeden Fall. Gar keine Frage. Wir haben hier einen Maschinenpark mit den unterschiedlichsten Möglichkeiten und Personal, das qualifiziert ist. Da sehe ich überhaupt kein Problem.

Nochmal zu den Spinnereien – gibt es in Europa also gar keine mehr?

Doch, es gibt schon noch welche. Dort werden aber keine Standardprodukte hergestellt, sondern eher speziellere Sachen.

Bekommen Sie die Kettbäume geliefert oder machen Sie die selber?

In dem Fall bekommen wir sie geliefert. Schären können wir aber auch.

Haben Sie textilen Verschnitt? Was machen Sie damit?

Das hängt von dem Produkt ab. Aus dem Material für Bettwäsche zum Beispiel werden Produkte für Tischwäsche genäht oder anderes, wie kleine Säckchen.

Letzte Frage: Gab es schon Kooperationen im Bildungsbereich, z.B. mit einer Studiengruppe, Universität o.ä.?

Studierende aus Schneeberg haben hier 2018 ihre Masterarbeit realisiert. Dafür entwickelten sie Muster, die ich Ihnen hier zeigen kann. Aufgabe war es, Möbelbezugsstoffe zu entwickeln. Es wurden verschiedene Materialmischungen entwickelt und getestet. Wir haben dann 100% Leinen benutzt und geschaut, wie man dies als Jaquard weben kann. 

Wir bedanken uns herzlich bei Herrn Ruta für den umfassenden Einblick! 

Wir bedanken uns herzlich bei Herrn Ruta und freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen!

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