• Am Webstuhl mit Herrn Witzschel

18. November 2021

INTERVIEW

Eberhard Witzschel

Inhaber der Sächsischen Teppichmanufaktur in Frankenberg

Heute ist der 2. Juli 2021, das sind genau 112 Jahre und ein Tag nach Gründung der Sächsischen Teppichmanufaktur in Frankenberg. Wir treffen den Firmeninhaber und Enkel eines der drei Gründer, Eberhard Witzschel.

Grund des Besuches ist einerseits die dringende Suche nach einer Nachfolge für die Teppichweberei, die Witzschel 80-jährig nahezu allein betreibt. 
Zum anderen wollen wir erfahren, wie die noch intakte Teppichproduktion funktioniert, welche Maschinen zum Einsatz kommen und welches Potenzial in dieser sächsischen Weberei schlummert.

(LT = lokaltextil, EW = Eberhard Witzschel)

LT: Herr Witzschel, erzählen Sie uns bitte die Geschichte der Weberei.

EW: In Gera kamen damals vor über hundert Jahren drei Meister einer Teppichweberei mit der Absicht zusammen, sich selbstständig zu machen. Frankenberg hatte damals annonciert. Die drei hatten die Idee einer eigenen Weberei, jedoch kein Geld. Nur guten Willen. Sie begannen mit Lohnarbeiten und mieteten dafür ein Haus. In Chemnitz wurden fertige Ketten bei „Bachmann&Ladewig“ gekauft und in Frankenberg verwebt. Die fertige Ware verkauften sie wieder. So konnten sie sich nach und nach ihre eigene Weberei aufbauen und die Möbelstoffweberei Pfefferkorn in Frankenberg kaufen. Zusätzlich begannen sie, die Kettfadendruckerei aufzubauen. Bei dieser aufwendigen Technik werden Kettfäden vor dem Verweben bedruckt.

im Websaal mit Herrn Witzschel und Eva Howitz und Lena Seik

Bilder historischer Kettendruckmaschinen aus dem Werk Anker-Teppich-Fabrik Gebrüder Schoeller, Düren

LT: Ist dieser Druckprozess vergleichbar mit Ikat 1?

EW: Ja, Ikat ist ähnlich. Hier nur mit Noppen. Ich habe noch Bilder davon. (Herr Witzschel bitte suchen Sie uns diese Bilder heraus! Dann ist alles besser zu verstehen.) Es musste genau der Länge der Noppe entsprechend gedruckt werden, damit der Farbwechsel im Noppenknie passiert und nicht an der Oberfläche zu sehen ist. Dafür war eine ganz aufwendige Setzerei nötig. Ich kenne die Maschinen alle noch! Das Tolle daran ist: man konnte eine beliebige Farbanzahl weben. Der Fachbegriff dafür lautet Tapestry 2. Ich habe auch eine Menge alter Musterbücher. Dummerweise steht gerade ein riesengroßer, sehr schwerer Karton vor dem Schrank.

LT: Wir würden ihn wegschieben, Herr Witzschel! Dürfen wir einen Blick in die Bücher werfen?

Mit vereinten Kräften werden die alten Bücher geborgen.

LT: Was wir hier sehen, sind das handgefertigte Patronen 3? Sie sind wunderschön.

EW: Im Grunde genommen, ja. Es ist aber in diesem Fall die Zeichnung für die Druckeinstellung. Nach dieser Vorlage wurden die Druckwalzen mit der Hand gesteuert.

LT: Und diese Maschinen sind noch hier?

EW: Nein. Die gibt es nicht mehr.

Vertieft ins Gespräch: links - Lena Seik; Mitte-Herr Eberhard Witzschel; rechts-Eva Howitz
Historische Patrone Tapestry Detail

Zeichnung für die Druckeinstellung.

Detail Tapestry geschlossene Pole

Tapestry

LT: Aber Sie sagen ja auch, das Verfahren ist nicht effektiv.

EW: Ja. Mit meinen heutigen Elektronikkenntnissen würde ich das anders machen. Da könnte man sehr viel automatisieren. Tapestry bedeutet geschlossene Noppen. Es sieht aus wie Spritzdruck, ist es aber nicht! Man kann das direkt am Faden sehen. Der Faden wechselt von Noppe zu Noppe die Farbe. Es wurden bis zu 56 Farben gedruckt. Diese Schattierungen hier sind Absicht. Es handelt sich hierbei um eine Nachstellung handgeknüpfter Teppiche. Denn einige nomadische Bevölkerungsgruppen im Mittleren Osten haben Farbstoff mit dem Wasser gemischt, das ihnen an den verschiedenen Orten zur Verfügung stand. Dadurch variierten die Farbtöne immer etwas. Und das war ein Kennzeichen der Echtheit. Der größte Kenner dieser Technik war Herr Wenschuh, der Dessinateur 4. Das Musterzeichenbüro befand sich hier im ersten Stock. In den 1950er Jahren standen die Farbtöpfchen noch da.

Farbkraft Tapestry geschlossene Pole - Musterbuch 1920er Jahre

Tapestry

LT: Lassen Sie uns noch kurz bei den Musterstücken bleiben. Welches Material ist das? Und um welchen Zeitraum handelt es sich hierbei?

EW: Das ist alles Schurwolle, die damals wahrscheinlich aus England bezogen wurde. Ich denke, das waren die 1920er Jahre.

LT: Können Sie uns etwas zur Situation der Manufaktur während der Weltkriege berichten?

EW: Ich weiß nur, dass es Stillstand gegeben hat. Alle Leute wurden entlassen. Außer der Herr Wenschuh, der hat wohl noch weiter gezeichnet und Aufträge aus der Schweiz angenommen, damit sie überhaupt überleben konnten. Es fand keine Rüstungsproduktion statt. Gott sei Dank. Sonst wären wir nachher enteignet worden.

LT: Diese Farben der Muster sind selbst nach 100 Jahren noch strahlend und frisch! Handelt es sich hierbei um chemische Farben oder auch um Naturfarbextrakte?

EW: Das weiß ich nicht. Ich weiß zumindest, dass der Farbstoff thermisch fixiert wurde. Wenn die Fäden bedruckt waren, wurden sie mit Hochdruck gedämpft. Das war ein Riesenaufwand.
Wir haben im Verlauf der Firmengeschichte aber eigentlich niemals mit Naturfarbextrakten gefärbt. Ich bezweifle auch, dass die Färber, die ich heute in Anspruch nehme, pflanzenbasiert färben.

LT: Welche Färbereien nehmen Sie denn in Anspruch?

EW: Ich arbeite mit zwei Unternehmen, die beide in den alten Bundesländern sitzen, eines davon in Wuppertal.
Wir haben uns aneinander gewöhnt. Sodass ich jetzt sagen kann, ich brauche die und die Farbe und dann passt das.

LT: Arbeiten Sie mit einem Farbsystem? Beispielsweise Pantone? Oder RAL?

EW: Um Gottes Willen. Der Künstler, mit dem ich momentan arbeite, der wird mir heute noch seine Farbvorstellungen schicken. Zu dem habe ich gesagt: Tun Sie mir einen Gefallen und gehen Sie in das nächste Kurzwarengeschäft, suchen Sie sich dort ein Stickgarn der Farbe, die Sie wünschen, und schicken Sie mir das. Ich brauche keinen Papieraufstrich, keine RAL-Nummer und auch keine Pantone-Nummer. Ich habe das zwar alles, kann aber am allerbesten mit etwas Textilem arbeiten. Das schicke ich dann meinem Färber und der stellt mir genau das her, was ich brauche.

LT: Wenn man das Muster als Patrone sehen würde, wäre diese sehr lang, oder?

EW: Ja, natürlich. Es muss immer die gestreckte Länge der gesamten Noppe sein. Wenn wir größere Ruten5. eingesetzt haben, musste natürlich auch das Verhältnis anders sein. Da war auch viel Mathematik dabei.

LT: Wofür wurden diese Ruten eingesetzt?

EW: Es ging darum, einen hohen Flor zu erzeugen. Aber das kostet wieder mehr Material. Und ich denke, dass auch damals die Materialkosten eine erhebliche Rolle gespielt haben. Es handelte sich ja um englische Wolle, und die war nicht billig.

Herr Witzschel erklärt uns die Webtechnik

Herr Witzschel an einem Rutenwebstuhl.

Ruteneintrag im Webprozess

Ruteneintrag im Webprozess.

Musterbuch 1920er Tapestry (Velour)

Velourtapestry von 1920

Musterbuch 1920er - Tapestry aufgeschnittene Pole, Velour, ©lokaltextil

Tapestry mit aufgeschnittenen Polen

LT: Hier im Musterbuch steht ein Wort geschrieben: Sätema.

EW: Das war ein Qualitätsbegriff und stand für Sächsische Teppichmanufaktur. „Augen auf beim Teppichkauf, steht SäTeMa drauf?“, hieß es.

LT: Wer hat die Tapestry-Teppiche gekauft?

EW: Ich nehme an, dass es Leute gab, die sich einen Handgeknüpften nicht leisten konnten, aber auch so ein schönes Muster haben wollten. Ich würde sagen, das mittlere Bürgertum. Der Arbeiter hat sich so etwas nicht gekauft.

LT: Oooh – was ist das?

Wir entdecken eine bunt gemusterte Griffprobe in dem 100 Jahre alten Musterbuch.

EW: Das ist Motteled 6. Das sind Fehldrucke gewesen, die kein Muster ergeben haben und daraufhin einfach willkürlich zusammengewebt wurden. Auch diese wurden gut verkauft.

Motteled/ gewebter Teppich aus Restfäden

Mottled

LT: Diese Haptik erinnert uns an die der Teppiche von Sigrid Kölbel 7. Kennen Sie die Teppiche?

EW: Ich kannte Frau Kölbel sogar persönlich!

LT: Nein! Herr Witzschel! Wirklich? Wir verehren ihre Arbeit und haben Frau Kölbel und Eva Humburg 2019 eine Ausstellung 8 gewidmet!

EW: Es gab zu DDR-Zeiten konkrete Regelungen für die Dessinierungen. Man konnte also nicht einfach alles verkaufen. Und um Einfluss auf die Dessinierungen zu nehmen, hatte die DDR Gutachterausschüsse gegründet. Dort mussten alle Muster vorgelegt werden. Mit dem Gutachterausschuss bekam man ein Prädikat, ein Gütezeichen 1, 2 oder 3. Je niedriger die Zahl war, desto besser wurde der Preis. In dem Gutachterausschuss war auch Frau Kölbel eine Weile.

LT: Die Teppichmanufaktur war zu DDR-Zeiten weiterhin in privater Hand, richtig?

EW: Erst war sie noch privat. Dann beteiligte sich der Staat. 1972 kam es unter massivem Druck zur sogenannten Umwandlung in einen volkseigenen Betrieb. So war der Betrieb dann der VEB (volkseigener Betrieb) Teppichweberei Frankenberg, der Staat war nun Besitzer. Es brauchte aber trotzdem jemanden, der die Direktion des Betriebes übernimmt. Also wurden die SED-Kreisleitung und danach der Betrieb gefragt, wer geeignet ist. Ich wurde gnädigerweise dazu bestimmt. Bis dahin war mein Vater Komplementär. Der Betrieb war eine KG, eine Kommanditgesellschaft.

LT: Wie lief die Arbeit hier zu DDR-Zeiten? Wurde Ihre Arbeit geachtet? Finanziell?

EW: Preise wurden damals von zentraler Stelle organisiert. Das Zentralreferat für Preise hat damals ganz genau festgelegt, wieviel der Quadratmeter Teppich kosten darf. Auf dem Fichtelberg genauso viel wie auf der Insel Rügen. Völlig egal, ob Fachgeschäft oder irgendwas. Ich habe nach der Wende jahrelang lernen müssen, meine Preise selbstbewusst zu gestalten. Da musste ich mich lange dran gewöhnen. Zu DDR-Zeiten wurden unsere Produkte verschleudert. Wir waren in allen Katalogen drin – von Neckermann über Otto bis Schöpflin. Da wurden die Preise diktiert. Es war sehr interessant, nach der Wende wieder auf die Einkäufer zu treffen. Da musste ich erst einmal erklären, dass jetzt die Preise gezahlt werden müssen, die das tatsächlich auch kostet. Da war dann Schluss von heute auf morgen. Alle sind weggebrochen.

LT: Wie überstand der Betrieb die Wende?

EW: Heute sind wir wieder eine Kommanditgesellschaft, denn wir haben die Firma 1991 wieder in eine KG rückübertragen. Deshalb gab es auch Probleme. Ich wollte ja den Namen „Sächsische Teppichmanufaktur“ wieder eingetragen haben. Doch unmittelbar nach 1990 hießen wir Teppichweberei GmbH. Beim Handelsregister wollte man mir den Namen nicht zuerkennen. „Sächsisch“, das ginge ja überhaupt nicht, dafür wäre mein Betrieb viel zu klein. Da sagte ich nur: Wissen Sie, ich will den Betrieb nicht neu eingetragen haben. Er gehört mir ja. Ich möchte Ihnen nur mitteilen, dass ich die wirtschaftliche Tätigkeit wieder aufnehme. Die hat von 1972 bis 1990 geruht und jetzt webe ich wieder! Ich mache eigentlich das, was wir vorher auch gemacht haben. Und so haben sie Ja sagen müssen. Und deshalb heißen wir heute wieder so wie früher.

LT: Herr Witzschel, Sie rollen in der Staatskanzlei in Dresden den roten Teppich aus, das haben Sie nebenbei erwähnt. Wir würden das sehr gern genauer wissen.

EW: Genau. Der Läufer wurde hier bestellt und natürlich auch gewebt. Wir haben ihn dann bei einer Veranstaltung, einem Staatsempfang, verlegt, und nachher stellte sich die Frage, was macht man nun damit? Wegwerfen wäre ja absolut schade gewesen. Deshalb gibt es die folgende Vereinbarung mit der Staatskanzlei Dresden: Wir demontieren, lagern ein und wenn der nächste Staatsgast kommt, werden wir beauftragt, den Teppich gereinigt anzuliefern und wieder zu verlegen. Meine Leute warten dann vor Ort im „Backstage“. Wenn der Staatsgast abgereist ist, demontieren wir alles. Heute kümmert sich meine Tochter darum. Sie führt seit 10 Jahren das in der Region größte Raumtextilienfachgeschäft, was sich seit den 90ern in den Räumlichkeiten der ehemaligen Druckerei befindet.

LT: Sie produzieren also heute nur noch auf Bestellung, auf Maß sozusagen? Sie erarbeiten den Entwurf mit dem Kunden? Und erstellen die Lochkarte? Sie besorgen die Rohstoffe?

EW: Im Prinzip ja. Genau so läuft das ab. Die Kirchen rufen mich an und wünschen sich einen neuen Kirchenteppich. Dann fahre ich meist zu einem Ortstermin. Sehe mir alles an. Es gibt drei Möglichkeiten: Entweder die Kirchenleute wünschen sich genau das, was schon da ist. Die zweite Variante ist, sie möchten etwas völlig Neues. Und die dritte Möglichkeit wäre, wenn es ein talentiertes, kreatives Mitglied im Kirchenvorstand gibt – eine Designerin oder Künstlerin, die ihre gestalterischen Vorschläge einbringt. Wir reden ein bisschen mit rein unter Berücksichtigung der Gegebenheiten der Kirche. Wir sind auch in verschiedenen Kirchenversandkatalogen mit unseren Teppichen vertreten.

Webstuhl mit Choren für Kirchenteppich

Webstuhl mit Choren für Kirchenteppich

Ausgewebter Kirchenteppich

ausgewebter Kirchenteppich

LT: Existieren denn vergleichbare Manufakturen?

EW: Es gibt vergleichsweise wenige ähnlich produzierende Betriebe. Man kennt sich untereinander. Ich habe viel mit Vorwerk gemacht und mache zum Beispiel immer noch Jacquardkarten für die Firma Carpet Concepts. Die schicken mir eine E-Mail mit dem gewünschten Dessin. Circa zwei Wochen später bekommen sie dann einen Karton mit der fertigen Jacquardkarte. Ich verkaufe sozusagen Löcher. (Lacht)

LT: Und wo liegt der Preis dafür?

EW: Naja. Bei circa 200 Euro. Ein Kartenblatt kostet bei mir einen Euro.

LT: Nein! Herr Witzschel! Das ist aber günstig! Da müssen wir was zusammen machen! Diese Karten, die Sie da schlagen, passen die auch beispielsweise auf einen der Buckskin-Webstühle in der Historischen Schauweberei Braunsdorf?

EW: Ja, natürlich. Ich habe doch auf den Buckskin-Maschinen 9 gelernt. Außerdem habe ich schon die ein oder andere Karte für Camman 10 geschlagen. Irgendwann muss ich aber auch mal aufhören. Mein Leben ist leider auch endlich.

LT: Das heißt, wenn etwas mit Ihnen gemeinsam passieren soll, dann ist jetzt wirklich nicht mehr viel Zeit?

EW: Ganz genau. Passen Sie mal auf: Mein PC, auf dem ich das alles mache, ist nicht am Netz. Das heißt, es gibt überhaupt keinen Zugang von außen. Das mache ich nicht, weil ich Angst davor habe: bestohlen zu werden. Da geht es mir nur darum, keine Viren zu bekommen. Der PC läuft noch mit Windows 7. Das funktioniert! Da lass ich keine Luft dran. Ich habe mir gerade wieder einen neuen Rechner gekauft für 200 Euro, da hab ich alles aufgespielt. Da sind jetzt hunderte von Dessins drauf. Und wenn ein neues entstehen soll, lade ich den Entwurf auf meinen Stick. Den stecke ich dann an meine Maschine, spiele den ein und dann wird das ganze parametriert. Der Witz ist die Verschnürungstabelle11. Die muss man wissen.

LT: Theoretisch sind sie ein Coder! Sie haben sich ein eigenes System geschaffen?!

EW: Nö, das ist nicht von mir. Es gibt für jede elektronische Jacquardmaschine Computerprogramme. Jeder Hersteller hat da sein eigenes System, eine eigene Programmierung. Letztens habe ich für das Damastmuseum in Großschönau eine Verschnürungstabelle gemacht. Jetzt kann ich die Karten schlagen.

LT: Sagen Sie, Herr Witzschel, gibt es denn neben Ihnen noch eine Person, die weiß, wie Sie die Karten machen?

EW: Nun ja. Doch, mein Sohn kann das noch. Er hat sich allerdings jobtechnisch verbessert! Er ist nicht mehr bei mir im Betrieb. Er arbeitet nun in der ZeitWerkStadt.

LT: Was heißt denn hier verbessert?

EW: Von irgendwas muss die Esse rauchen! Also mit den paar Kirchenteppichen kann man keine Familie ernähren. Ich sage mal so, wenn ich 25 Jahre jünger wäre, dann würde ich auch wieder mit eigenen Kollektionen auf Messen fahren. Messestand bedeutet einen großen Aufwand. Mit 20.000 Euro ist es nicht getan. Man muss anwesend sein. Und um das wirtschaftlich zu machen, müssen mindestens Aufträge in Höhe von 200.000 Euro reinkommen.

LT: Wieviel kostet denn so ein Teppich?

EW: Das ist unterschiedlich. Ich zeige Ihnen mal einen Katalog für Kirchenteppiche. Das hier ist der „Friedrich“. Da können Sie vom Kelch bis zum Altar alles kaufen. Hier sind unsere Teppiche drin. Wir sind auch bei Schreibmayr drin. Der laufende Meter kostet 65 Euro und liegt auf 77 Zentimeter Breite. Wir schweißen das dann zusammen und dann geht jede Größe.

Kartenschlagmaschine mit Digitalkopf der Firma Grosse, ©lokaltextil

Von Herrn Witzschel selbstgebaute analog-digitale Kartenschlagmaschine mit Aufsatz der Firma Grosse, eine der wenigen Hersteller elektronischer Jacquardmaschinen weltweit.

Nun starten wir zu einem Rundgang durch die Räumlichkeiten der Weberei. Gehen über den Hof in die heiligen Hallen, Herr Witzschel immer vorneweg. 80 Jahre Leben und Arbeit sind kaum spürbar. Wir betreten einen unglaublich großen Raum mit Sheddach, sehen die überwältigenden Maschinen. Sehen die Chore, wie die Gatter, auf denen die mit Wollgarn bespulten Konen aufgereiht sind. Man fühlt sich sehr klein in diesen Produktionssälen. Die Webstühle stehen allerdings still. Unsere Gespräche hallen wider.

EW: Hier lernte ich an der Hand meines Großvaters laufen. Als ich dann mit dem Studium fertig war, habe ich angefangen, die ersten alten Webstühle umzubauen. Andere Bindungen, andere Drehzahl… Damit habe ich den Meister zur Verzweiflung getrieben. [lacht]

LT: Über uns befindet sich ein Sheddach 12. Wann wurde die Halle erbaut?

EW: Dieser freitragende Shedbau entstand zwischen 1926 und 1928. Der vordere Teil mit den Stützen ist etwas älter. Der Stahlbeton-Hochbau mit einer Tragfähigkeit von 1.000 Kilogramm pro Quadratmeter war damals einsame Spitze. Hier haben wir Abbruchgiebel, es kann also jederzeit angebaut werden. Es steht nur ein Drittel des eigentlich geplanten Betriebes. Damals wurden die Grundstücke so gekauft, dass sie erweitert werden können. Die Schleusen wurden so verlegt, dass sie nicht überbaut werden. Es wurde an die Zukunft gedacht. Es wurden Grundstückstausche veranlasst, die Grenzen begradigt – der Optimierung wegen. Es wurde vorausschauend gedacht!

LT: Sachsen ist eine Textilhochburg gewesen!

EW: Natürlich! Hier wurde mit Doppelfenstern gebaut! Zur Wärmedämmung. Wenn hier ab und zu Putz runter fällt, liegt das daran, dass wir im Winter hier nicht heizen. Dadurch entstehen Spannungen, die sich nicht vermeiden lassen. Würde hier gearbeitet werden, passierte das allerdings nicht.

LT: Wir finden es so spannend, dass hier Kettbäume und Gatter 13. in Kombination genutzt werden. Wir kennen aus der Möbelstoffweberei Tannenhauer 14 nur die Verwendung von Kettbäumen.

EW: Bei Möbelstoff habe ich eine ganz gleichmäßige Einarbeitung. Da kann ich das Material vom Kettbaum ziehen. Wenn ich aber Polgewebe machen will, wie beispielsweise beim Doppelplüsch, muss ich vom Gatter arbeiten. Da muss jeder Faden hinten seine Rolle haben. Je breiter ich weben will, desto mehr Fäden brauche ich, desto mehr Rollen brauche ich hinten. Wenn ich feiner weben will, brauche ich dünneres Garn, und brauche dann noch mehr Fäden. Wenn also ein Kunde einen Teppich mit zwei Meter Breite haben möchte, braucht es mindestens 1.200 Rollen à 50 Gramm, damit überhaupt gewebt werden kann. Dann muss ich die Rollen spulen, dann muss ich sie aufstecken und einziehen. Das ist alles die Vorbereitung. Den Preis müssen Sie erst einmal bezahlen.

Rutenwebstuhl mit Kettbäumen und Choren
Am Webstuhl mit Herrn Witzschel

LT: Und es braucht ja noch die Karte!?

EW: Die Karte geht heutzutage schnell herzustellen. Das ist kein großes Kunststück mehr. Aber gehört natürlich dazu, richtig.

Dann zeigt Herr Witzschel das Prinzip der Stahlruten.

EW: Wir heben immer die Fäden aus, die musterbildend sein sollen und schieben in das Fach eine Stahlrute. Dieser Stahldraht hier wird mechanisch eingeschossen. Im Fach darunter läuft der Schützen zurück. Wenn die Rute drin ist, dann gehen alle Fäden runter. Es bleibt nur die Bindekette oben. Es wird ein Schussfaden eingetragen und wird jetzt angeschlagen. Und damit werden die Fäden über die Rute hinweg eingebunden. Damit die Noppe hält. Dann wird die letzte Rute herausgezogen und als erste wieder eingewebt. Ich habe hier also ein Paket von 15 Ruten. Wie es auf dem Zettel da steht. Den hat wohl mein Sohn geschrieben…

LT: Wer webt denn alles hier? Sie, Ihr Sohn…?

EW: Im Moment webt hier gar niemand. Ich habe demnächst ein paar Aufträge. Dann werbe ich mir den Webmeister zurück, der hier gewebt hat, der jetzt bei einer anderen Firma beschäftigt ist. Sie leihen ihn mir dann für zwei, drei Tage mal aus.

Nun startet Herr Witzschel den Webstuhl, webt ein paar Reihen, und wir erfreuen uns am Rhythmus der Maschine. Durch den Krach ruft er uns weitere Informationen zu.

EW: Bei voller Auslastung, zwei bis drei Meter breit, so sechs bis acht Teppiche am Tag. Wenn es richtig läuft. Die Maschine holt sich immer ein Blatt nach dem anderen. Ein Blatt ist für eine Querlinie. Die Blätter werden nach und nach von der Maschine abgetastet.

Er schaltet die Maschine ab. Wir schauen auf die Lochkarten des Jacquard-Webstuhles.

LT: Herr Witzschel, wir danken Ihnen für das wunderbare Gespräch und die interessanten Einblicke. Sie sind mittlerweile 80 Jahre alt und sagen selbst, irgendwann ist Schluss. Was würden Sie sich für Ihren Betrieb wünschen?

EW: Jemanden, der Interesse hat. Jemanden, der das weiterführt. Nicht gerade als Kaufhalle für Lebensmittel, das wäre nicht mein Ziel. Auch nicht als Gokart-Bahn. Ich habe schon erwogen, oben im zweiten Stock den Giebel aufzubrechen und ein Riesencafé einzubauen. Mit diesem wunderschönen Blick über die Zschopauaue. Alles schon als Idee dagewesen.
Ich könnte mir sogar eher vorstellen, dass man mehrere Interessenten unter ein Dach bekommt. Vielleicht mit ein paar Synergieeffekten.

LT: Also muss nicht jemand allein all das hier übernehmen, sondern Sie können sich auch eine Mischung vorstellen?

EW: Ja, das ist eine Frage der Konstellation. Die Leute müssen auch miteinander arbeiten können!

Fußnoten

  1. Ikat ist eine Webtechnik, bei der das Garn vor der Verarbeitung abschnittsweise eingefärbt wird. Mehrere Farben sind möglich, auch können Abschnitte ungefärbt bleiben. Der Begriff leitet sich aus dem Malaiischen ab und bedeutet als Verb: abbinden, umwickeln. https://de.wikipedia.org/wiki/Ikat[]
  2. Tapestry: “Die Begriffe haben ihren Ursprung in der Technik des Teppichdruckes. Zur Musterung wurden die Kettfäden mit sehr aufwendigen Techniken farbig behandelt. Mit der Drucktechnik wurden Velvet- oder Tapestryteppiche hergestellt. Dabei entstanden also auch fehlerhaft bedruckte Kettfäden. Um diese nicht zu vernichten, wurden die fehlerhaft bedruckten Fäden ohne gestalterische Absicht in Teppiche rein willkürlich eingewoben. Diese nannte man dann Motteled-Teppiche. Die Teppiche haben kein konkretes Muster, sondern zeigten ein unregelmäßiges buntes Farbengewirr. Dass Herr Witzschel solche Begriffe benutzt, hängt mit der Geschichte seiner Firma zusammen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war diese Drucktechnik hier installiert.[]
  3. Patrone: Das Bindungsbild des Gewebes wird in einer Patrone aufgezeichnet, ähnlich einer Pixelzeichnung. Der:die Patroneur:in übertrug die Entwurfszeichnung in die schematische Darstellung der Patrone. (aus dem Begleitheft Designs zur Ausstellung Im Garten der Fäden in der Historischen Schauweberei Braunsdorf, 2019) []
  4. Dessinateur von Dessin (frz. Bild, Zeichnung, Entwurf, Muster): Dessin ist im Textilbereich ein anderes Wort für Stoffmuster. Die Musterzeichnung ist der gemalte, gezeichnete, manchmal auch collagierte Entwurf eines Musters in den Farbstellungen, in denen später gewebt werden soll. (ebd.) Der:die Dessinateur:in fertigt die Musterzeichnung an.[]
  5. Eine Rute ist ein Metallstab, der mit dem Schuss eingesetzt wird. Durch den Stab bildet sich eine Schlaufe. Es gibt Ruten ohne und Ruten mit aufgesetztem Messer, die sogenannten Schnittruten. Bei einer Rute mit Messer werden beim Herausziehen die Schlaufen aufschnitten. So entsteht der Flor, also die weichen Fäden, die einen Hochflorteppich ausmachen. Ohne Messer entsteht eine noppige Oberfläche.[]
  6. Beim bedrucken der Garne entstanden auch fehlerhaft bedruckte Kettfäden. Um diese nicht zu vernichten, wurden die fehlerhaft bedruckten Fäden ohne gestalterische Absicht in Teppiche rein willkürlich eingewoben. Diese nannte man dann Motteled-Teppiche. Die Teppiche haben kein konkretes Muster, sondern zeigten ein unregelmäßiges buntes Farbengewirr.[]
  7. Sigrid Kölbel (1925-2008) war eine der bedeutendsten Designerinnen für Raumtextilien in der DDR. Sie war im Weimarer Institut für Innenraumgestaltung mit Horst Michel tätig. Gemeinsam mit Eva Humburg entwickelte sie in der Möbelstoffweberei Tannenhauer klassische, zeitlose Dessins, die mehrfach international ausgezeichnet wurden und heute als Designklassiker in Museen wie dem Vitra Museum in Weil am Rhein zu sehen sind.[]
  8. Die Ausstellung hieß Im Garten der Fäden [https://www.lokaltextil.de/produkte_projekte/im-garten-der-faeden/] und machte das Musterarchiv der ehemaligen Möbelstoffweberei Tannenhauer, heute Historische Schauweberei auf ästhetisch-assoziative Weise sichtbar, allen voran die Dessins von Sigrid Kölbel und Eva Humburg.[]
  9. Buckskin (englisch für Bockfell) ist ein kräftig gewalktes Streichgarngewebe, wie z.B. Tweed.[]
  10. Die Möbelstoff-Weberei Cammann & Co. ist eine deutsche Weberei, die 1886 von Paul Cammann und Richard Krüger in Chemnitz gegründet wurde. https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%B6belstoff-Weberei_Cammann_%26_Co.[]
  11. Eine Jacquardmaschine französisch Feinstich hat 1320 Platinen.
    Die elektronische Jacquardmaschine hat in Anlehnung an den Verdolstich 1344 Platinen.
    Im Webstuhl sind über die Breite bei uns weniger Kettfäden angeordnet, als die Jacquardmaschine Platinen hat.
    Bei uns sind im Webstuhl 960 Kettfäden anzusteuern.
    Es müssen also nach einem bestimmten Schema Platinen in der Jacquardmaschine weggelassen werden.
    Dieses Schema nennt man „Verschnürtabelle“, da die Verbindung der Platinen mit den Litzen im Webstuhl über Schnuren hergestellt wird.[]
  12. Ein Sheddach oder Sägezahndach ist eine Dachform, die vor allem bei Bauten mit großen Grundflächen wie zum Beispiel Fabrikhallen konstruiert wird. [https://de.wikipedia.org/wiki/Sheddach] „Das wurde für das Tageslicht so konstruiert. Die Fenster müssen immer nach Norden zeigen. Damit die Sonne nicht hineinscheint, sondern indirektes Licht einfällt.“ (Zitat Hr. Witzschel) []
  13. Bezeichnet in der Textiltechnik ein Gestell für Spulen, das Spulengatter. []
  14. Die Möbelstoffweberei Tannenhauer musste ihren Betrieb 1990 einstellen. Heute hat dort die Historische Schauweberei Braunsdorf ihren Sitz. https://www.lokaltextil.de/partner_innen/historische-schauweberei-braunsdorf/[]
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