Kosmos Leinen 

Von der Pflanze bis zum fertigen Produkt

Das Projekt Kosmos Leinen verdeutlicht anhand der Leinenproduktion, dass eine nachhaltige und faire Textilproduktion lokal möglich und darüber hinaus sinnstiftend ist.
 In verschiedenen Kapiteln wird der Weg vom Anbau der Flachspflanzen über die Herstellung der Fasern und des Gewebes bis zur Entwicklung einer Produktreihe erfahrbar gemacht. Es geht zum einen darum, das vorhandene alte Wissen aktiv zu erhalten. Zum anderen werden in Forschungsprozessen innovative Herangehensweisen erprobt und weiterentwickelt. Im Projekt kooperieren die heimische Textilindustrie, Landwirtschaft und Bildungseinrichtungen. Künstlerische Prozesse stehen gleichwertig neben technischen Forschungsansätzen, landwirtschaftlichen Anbaumethoden und Bildungsformaten. Ziel ist es, den Wissensreichtum aus Herstellung und Forschung, Geschichte und Alltag, Literatur und Kunst zusammen zu führen, sichtbar zu machen und zu erweitern. Ein mögliches Ergebnis kann eine hochwertige und ästhetisch ansprechende Produktreihe sein. Jeder einzelne Schritt soll sichtbar und nachvollziehbar gemacht werden. Dadurch können wir ein Bewusstsein schaffen für Leinen als ein wertvolles, langlebiges und gesundes Textil.

Wir starten aktuell 2021 mit dem Projekt Leinen – Ein Selbstversuch

Leinen ­- Ein Selbstversuch

Vom Flachssamen zur Leinwand in einem Jahr.

LOGBUCH

BETEILIGTE

Idee und Umsetzung  lokaltextil
Unterstützung Gartenbau  Romy Julia Kroppe
Fotos  Eva Howitz, Alwina Pampuch, Lena Seik
Ort  Garten der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, Ecke Wächter-/Ferdinand-Rhode-Straße
Partner:innen  Inga Kerber

Januar 2021

Der Entschluss steht!

Es ist beschlossene Sache: Dieses Jahr probieren wir den Anbau von Flachs im eigenen Garten. Laut unserer Recherchen und den Aussagen von Herrn Ruta, dem Leiter der Leinenweberei Hoffmann, bietet Mitteleuropa und die Region Sachsen günstige klimatische Bedingungen und gute Bodenvoraussetzungen.
Als Saatgut suchen wir den Gemeinen Lein (linum usitatissimum) aus, eine wilde Flachssorte, die beides kann: Faser und Öl. Bei Rühlemann’s Kräuter- und Duftpflanzen werden wir fündig und bestellen 25 Samentütchen.

Seitdem wir uns näher mit Textilien und der Textilwirtschaft beschäftigen, sind wir fasziniert von dem Material Leinen. Die zarte Pflanze, die anmutige blaue Blume, die Faser, die Leinsamen, das Leinöl… Eine echte Alleskönnerin. Die sich im Klima Mitteleuropas wohl fühlt und eine Jahrhunderte alte Geschichte des Anbaus und der Verarbeitung hat. Wieso ist sie so selten geworden?

Leinenanbau in Deutschland

Hierzu ein kurzer historischer Abriss: Bis noch in die 1950er Jahre hinein wurde Flachs in kleinbäuerlichen Betrieben im Rheinland angebaut. Doch bereits in den Jahren der Industrialisierung der Textilproduktion in Europa im 18. Jahrhundert verdrängte die importierte und viel billigere Baumwolle nahezu vollständig die heimische Leinenproduktion. „Flachs zur Erzeugung von Leinen hat in den sächsischen Regionen Osterzgebirge, Oberlausitz und Vogtland eine sehr alte Tradition. Durch das Aufkommen synthetischer Fasern und günstige Baumwollimporte nahm die Bedeutung des Flachses jedoch ständig ab, bis der Anbau in den 70er Jahren völlig zum Erliegen kam. Dieser Verdrängungsprozeß wurde auch durch die fehlende technische Weiterentwicklung der Verarbeitungsverfahren begünstigt.“ Heute ist klar, dass der Anbau von Baumwolle fast überall auf der Welt ein schmutziges Geschäft ist. Durch Monokulturen werden die Böden ausgelaugt, Pestizide machen die Menschen und die Umwelt krank, der Transport der Baumwolle erzeugt Tonnen an CO2. Und trotzdem ist die Baumwolle des preiswertere Material, wobei den Preis die Menschen in den Erzeugerländern bezahlen. Das ist unfair und rechtfertigt in keiner Weise die weltweite Vormachtstellung der Faser.

In Deutschland hat der Flachsanbau und seine Verarbeitung zu Leinen eine lange Tradition. Heute gibt es jedoch nur noch drei Leinenwebereien. Eine davon durften wir im Juni 2020 besuchen. In der Leinenweberei Hoffmann in Neukirch in der Lausitz werden Leinen-Jaquard-Gewebe hergestellt – edle, weiche, glänzende Stoffe von höchster Qualität. Wir waren beeindruckt und einmal mehr von der Frage umgetrieben, warum der Flachs nicht vor Ort angebaut wird, wenn so etwas Schönes wie in Neukirch daraus entstehen kann.

Die Idee

Die Idee des Selbstversuches war geboren. Nach einer intensiven Recherchephase planten wir den Ablauf: Anbau von März bis August im eigenen Garten in Leipzig/Liebertwolkwitz. Daran angeschlossen wird die Verarbeitung. Dafür müssen Partner:innen gefunden werden, die mit uns gemeinsam alle Stationen der Umwandlung von Flachs zu Leinen fachkundig begleiten. Denkbar wäre ein bäuerliches Museum oder eine Traditionsgruppe aus einem ehemaligen Leinenanbaugebiet, die noch über das aktive Wissen verfügt.
Die Stationen des Projekts werden unter künstlerisch/ästhetischen Gesichtspunkten beforscht. Es geht weniger um die wissenschaftlich/akademische Richtigkeit als vielmehr um eine ganzheitliche, forschende und assoziative Herangehensweise. Uns ist wichtig, Gedanken, Erkenntnisse und Ideen festzuhalten. Deshalb dieses Logbuch.

Februar 2021

Das Saatgut ist da!

Zudem entstand die neue Idee, das Flachsbeet in den Garten der Galerie für Zeitgenösssiche Kunst zu verlegen. Ab März wird dort die aktuelle Ausstellung “Vom Haben und Teilen – Wem gehört die Sammlung“? zu sehen sein. Mit dabei sind Johanna und Helmut Kandl und ihr Langzeitprojekt Material. Johanna Kandl untersucht seit einigen Jahren die Herkunft des Materials der Malerei. Woher kommen die Bestandteile, die für das Malen unverzichtbar sind? In welchem Boden lagert das Gestein für die Farbpigmente? Aus welchen Tierhaaren werden die besten Pinsel gemacht? Wo wächst der Flachs für die Leinwand und das Leinöl?
Wir gehen ähnlich vor und fragen nach dem Material des Textils: Woher stammt die Faser für meine Bettwäsche? Wenn Baumwolle in unseren Breitengraden nicht wächst, aber Flachs, warum wird er kaum noch angebaut? Ist es überhaupt möglich Flachs in Sachsen anzubauen? Und schaffen wir es mit unserer Hände Arbeit, aus dem Flachs Leinen zu gewinnen und am Ende eine Leinwand zu weben?

März 2021

Wir warten auf das gute Wetter.

Seit Wochen ist es noch so kalt, dass der Boden gefroren ist.
Doch dann, Ende des Monats kommen ein paar warme Tage. Wir starten mit dem Abstecken der Fläche. Die Holzstäbe dafür kommen von einem alten Kinderbett! Sie sollen auch unseren Pflanzenkindern einmal Halt geben. Der Ort für das neue Beet befindet sich mitten im innerstädtischen Raum, an einer Straßenkreuzung neben dem Fußweg auf einer Wiese, die zum Gelände der GfZK gehört. Umsäumt wird das Grundstück von Wohnhäusern und verschiedenen Hochschulen. Im Viertelstundentakt fährt die Buslinie 89 an uns vorbei.
Wir brechen die Grasnabe auf. Die Sonne scheint, es ist fast sommerlich. Die Arbeit ist sehr beschwerlich. Es dauert den ganzen Tag bis wir unsere 20 qm Beetfläche erschlossen haben. Leider reicht nun die Zeit nicht mehr für ein sorgsames Aussäen. Das muss in den April verschoben werden.

Was säen wir alles aus?

Neben dem Saatgut für den Flachs haben wir etliche Saaten für Färberpflanzen gekauft. Uns fasziniert der Gedanke, dass auch die Farbe, mit der auf die Leinwand gemalt wird, aus heimischen Pflanzenteilen gewonnen werden kann. Das wollen wir auch ausprobieren. Susanne Stern, Textildesignerin und Expertin für Naturfarben, berät uns ausführlich, welche Pflanzen zum Anbau geeignet sind und welche Effekte sie erzielen.
Wir entscheiden uns für die drei Grundfarben:
Gelb – Fäberkamille, Labkraut (Blüten), Johanniskraut, Reseda, Rainfarn und Tagetes
Rot – Färberkrapp, Schwarze Stockrose und Labkraut (Wurzel)
Blau – Färberwaid und Färberknöterich
Färberkrapp und Schwarze Stockrose kaufen wir als Pflanze, da die Stockrose erst im zweiten Jahr blüht und die Wurzel des Krapp auch erst von der mehrjährigen Pflanze verwendet werden kann.

April 2021

Die Aussaat

Die Gartengruppe trifft sich am 1. April zur Aussaat. Die meisten unserer Pflanzen sind Magerwiesen gewöhnt. Doch der Boden an der Straßenecke ist überraschenderweise schwer und humos. Großfamilien von Regenwürmern kreuzen unseren Weg, ebenso verschiedene andere Bodenbewohner wie Engerlinge, Springschwänze und Tausendfüßler. Also bringen wir vor der Aussaat Sand in die Erde. Die Leinsamen säen wir in drei langen Reihen. Sie werden einen 12×1 Meter langen Streifen ergeben. Die Färberpflanzen kommen in Beetabteile daneben.

18 Tage später …

Die Leinsamen sind aufgegangen und die ersten Pflänzchen entfalten ihre Blätter! Auch die Samen der Färberkamille haben gekeimt und schauen winzig aus der Erde. Wir sind überglücklich!

Idee: Wenn wir den Flachs geerntet, gerauft und geröstet haben, möchten wir eine Pflanze ganz genau analysieren und alle Anteile prozentual festhalten: Samen, Faser, Schäben, Werg. Eine wichtige Frage stellt sich uns nämlich seit geraumer Zeit: Ist es möglich aus den holzigen Überresten der Pflanze, den sogenannten Schäben, eine Art Viskose herzustellen?

Mai 2021

Was passiert rund ums Leinenbeet?

Die Pflanzen wachsen prächtig. In der ersten Mai-Hälfte war es relativ trocken, so dass wir einige Male wässern mussten. Das bedeutet konkret vor Ort für eine gießende Person: sechs mal mindestens mit jeweils zwei 10 Liter Gießkannen auf einer Strecke von gut 100 Metern hin- und herzulaufen. Die Bäckerei für zeitgenössisches Brot “Backstein” im Garten der GfZK unterstützt uns, in dem sie uns zwei weitere Gießkannen zur Verfügung stellt. So können wir nun zu zweit und jeweils nur dreimal den Weg vom Wasserhahn zum Beet und zurück beschreiten.

Zu Besuch bei Inga Kerber

Arbeit von Inga Kerber

Die Leipziger Künstlerin Inga Kerber treffen wir am 6. Mai nach der Beikraut- und Gießkontrolle in ihrem Atelier auf der Leipziger Spinnerei. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit als Fotografin, Floristin und Slow Flower Bewegte bemalt Inga Leinenstoffe mit Naturfarbpigmenten mit floralen Motiven. Wir verfolgen ihr Werk schon seit geraumer Zeit, was uns zu dem Entschluss führte, sie zu fragen, ob sie diejenige sein möchte, die die Leinwand am Ende des Prozesses bemalen wird. Sie stimmt zu.

Es wird warm.

Am 10. Mai klettert die Temperatur auf 28°C, was unseren Flachspflänzchen einen enormen Wachstumsschub beschert!
Doch auf das Gießen können wir ab dem nächsten Tag schon wieder verzichten. Es regnet fast täglich bis Ende Mai. Der verregnete kühle Mai sorgt dafür, dass sich die oberste Bodenschicht von der Trockenheit der letzten Jahre erholt. Das tut auch unseren Pflanzen gut. Und wenn es den Pflanzen gut geht, geht es auch uns gut.

Der Flachs schießt!

Ab dem 14. Mai kann man dem Flachs beim Wachsen nahezu zuschauen! Am 31. Mai ist die Wachstumshöhe bei fast 40 cm.

Auch das Beikraut schießt in die Höhe und muss gebremst werden. Freundliche Jäthilfe bekommen wir von Benedikt Maschke von Nektarbar, einem steten Freund von lokaltextil. Er war bereits zum Beetbau zur Stelle und brach einige Quadratmeter Grasnabe auf, wofür wir heute noch dankbar sind.

6. Mai

19. Mai

31. Mai

Juni 2021

Der Juni ist ein Fest!

Der Juni am Leinenfeld ist für uns ein ganz besonderes Fest.
Zu Beginn wird uns von der Familie Niese eine schöne alte Birke gespendet.
Die einzelnen Baumscheiben dienen seither als Sitzgelegenheit für müde Gärtner:innen und Besucher:innen am Leinenfeld. Die Flachspflanzen wachsen nun nahezu sichtbar von Tag zu Tag. Das Wetter spielt uns zudem in die Karten und schont unsere gießkannentragenden Rücken durch natürliche Regenepisoden.

Bestimmen der Färberpflanzen

Anfang Juni können wir zudem unsere Färbepflanzen freilegen und wunderbar bestimmen. Der Färberknöterich, der Färberwaid, die Färbekamille, Rainfarn, die Stockrosen und der Knöterich alles wächst und gedeiht. Sogar neben dem Feld siedelt sich Labkraut an.

Was ist Stickeln?

Am 7. Juni entscheiden wir uns für das Stickeln. So nennt man die sanfte Wuchsstütze für die enorm schnell wachsenden Flachshalme. Es ziehen immer wieder intensivere Windböen um die Straßenecken. Die Stütze erscheint uns auch deshalb sinnvoll.

Blaue Blüten wohin das Auge blickt

Am 9. Juni entdecken wir die ersten Blütenstände.
Und am 11. Juni begrüßen wir die blauen Blüten auf unserem Blühstreifen. Wir können nicht oft genug zu den Pflanzen und staunen über die zeitlichen Rhythmen der Blütenöffnung. Die Flachsblüten zeigen sich bis in die frühen Nachmittagsstunden blühend, um sich danach wieder zu schließen. Die blaue Pracht hält bis Ende Juni an.

Die Bollen reifen

Schon ab 22. Juni sind vermehrt Samenkapseln, die sogenannten Bollen zu sehen. In ihnen reift das Saatgut für die nächste Saison beziehungsweise die Leinsamen die auch zu Leinöl, Leinfirnis weiterverarbeitet werden können. Die Leinsamen wohnen zu zehnt in einer Kapsel und wenn sie sich grünlich färben, kündigen sie die Raufe an. Wir pflegen wöchentlich das Feld und Umgebung, sicheln, zupfen, rupfen und freuen uns auf den Juli.

bald geht es weiter…