20. Juni 2022

INTERVIEW

Die Sächsische Teppichmanufaktur lebt weiter!

Eine Nachfolge ist gefunden.

Wir treffen uns im Juni 2022 gleich zweimal mit Eberhard Witzschel in Frankenberg. Fast auf den Tag genau, vor einem Jahr durften wir zum ersten Mal die Produktionshallen besichtigen und mit Herrn Witzschel über seine Manufaktur und die damit verbundenen Herausforderungen sprechen. Es hat sich viel getan seitdem. Und wir freuen uns einen glücklichen Eberhard Witzschel anzutreffen. Es gab viel Resonanz auf unsere social media Aufrufe. Auch die lokale Presse hat Herrn Witzschel besucht und eine große Story veröffentlicht. Nun sind die Würfel gefallen. Es hat sich tatsächlich eine Nachfolge gefunden. Wichtig so Witzschel: “dass es jemand ist, der hier vor Ort in unseren Produktionshallen, auf unseren Maschinen für unsere Kund:innen produziert.” Der Weg war lang und spannend. Viele Personen interessierten sich für die Manufaktur. Textildesigner:innen, Modeschaffende aber auch völlig branchenferne Akteur:innen sprachen bei Herrn Witzschel vor. Mehrere Male wurden, ob der schieren Größe des Unternehmens, die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Denn die Sächsische Teppichmanufaktur ist keine kleine zu übernehmende Aufgabe. Auf 3000 qm Produktionsfläche werden 14 Jacquardwebstühle betrieben.

113 Jahre und ein gesichertes Fortbestehen

Nun gibt es Herrn Steve Hergt und seine 5 Mitarbeiter. Herr Hergt kommt aus Gera, genau wie der Groß – und Gründervater von Herrn Witzschel und der Sächsischen Teppichmanufaktur damals vor 113 Jahren.
Er war technischer Leiter der mittlerweile geschlossenen Carpet Concept Teppichfabrik in Münchenbernsdorf. Einem Standort, an dem zu DDR Zeiten die größte Bouclé Teppichweberei ansässig war.
Nach der Übernahme der Teppichfabrik durch ein dänisches Unternehmen wurden die besten Webstühle nach Skandinavien umgesetzt und das Werk geschlossen. Nun kann zumindest die Produktion in Frankenberg weiter gehen! Herr Hergt ist keine 45 Jahre alt und bringt 5 motivierte fachkundige Mitarbeiter mit. Seit 1.4.2022 sind die Nachfolger jetzt vor Ort in Frankenberg und bereiten die Produktion vor. Die erste Auftragsware konnten Frankenberg bereits verlassen.

6 mal geballte Kompetenz

„Ich brauche den Leuten nicht zu zeigen wie ein Weberknoten funktioniert. Ich brauche ihnen auch nicht die Maschinen erklären. Die haben schon in Münchenbernsdorf auf genau solchen Maschinen gearbeitet.“ Erläutert uns Herr Witzschel. Damals haben alle beim VEB Webstuhlbau Karl Marx Stadt, heute Stäubli Bayreuth, ihre Maschinen für die Teppichweberei gekauft. Überall in der DDR standen die gleichen Maschinen. “Die Nachfolger also kennen unsere Maschinen” so Witzschel. “Die 6 Herren kommen aus verschiedenen Richtungen. Einer ist beispielsweise gelernter Schlosser und dabei ein richtiger Pfiffikus” sagt Witzschel. “Die Männer haben keine Scheu sich die Finger dreckig zu machen. Wenn es irgendwo hakt, die Mechaniker können Abhilfe schaffen. Ein Manager kann so etwas wohl eher weniger.”
Die mutigen Sechs haben sich kurzerhand in die Selbstständigkeit begeben mit dem Ziel den Namen und die Internetseite der Sächsischen Teppichmanufaktur zu übernehmen. Für uns ist es unglaublich schön zu erleben, mit welcher Kraft, welchem Know How und welcher Liebe zu den Maschinen hier weitergemacht wird. Alte Techniken bleiben erhalten und werden zu trag- und zukunftsfähigen Herangehensweisen transformiert. Für den Erhalt und die Stärkung lokaler Wertschöpfungsketten. “Nie wieder, werde ich zulassen, dass die Maschinen verschrottet werden”, sagt Herr Hergt in unserem Gespräch.
Wir ziehen unsern Hut vor der Courage dieser Menschen.

Herr Witzschel: „Ich bin vom Glück geprügelt!“

Die ersten Aufträge haben bereits im April das Haus verlassen. Da ging es um Kirchenteppiche. Im Moment sind die neuen Besitzer an technischen Geweben dran und schaffen Angebote im Bereich hochwertige Velours. “Die sind auf allen möglichen Wegen zu Gange.” So Herr Witzschel

Hoch im Norden

Auch Susan Krieger von Hille Tieden http://hilletieden.org/ aus dem Norden war wieder da. Im Juli 2021 durften wir ihr Herrn Witzschel und die Manufaktur zeigen. Der neue Chef, Herr Hergt war schon zu Besuch in Greifswald. Kulturerbe bewahren steht im Mittelpunkt der Initiative zur Rettung der Fischerteppiche aus Greifswald. Lokale Schafwolle soll wieder in den textilen Kreislauf gebracht werden. Nur so ist nachhaltiges Wirtschaften und die Verschränkung von Landwirtschaft, Industriekultur, und Design zu leisten.

„Die Würfel sind gefallen. Ich habe Nachfolger gefunden.“

Wir freuen uns sehr mit Herrn Witzschel und über die nicht endende Geschichte der Sächsischen Teppichmanufaktur. Gespannt hoffen wir auf viele Kooperationen und eine ertragreiche Fortsetzung. “Wir sind offen für Designer:innen, Forschende, Wollspezialistinnen und andere Spezialisten”, so Herr Hergt. Das Thema Hanf und Flachs interessiere ihn und seine Leute auch sehr. Wir lokaltextiler sind in jedem Falle darauf bedacht, dass so viele Personen wie möglich von der Option, individuelle Teppiche zu fertigen, in der Sächsische Teppichmanufaktur in Frankenberg erfahren. Die Geschichte geht weiter! Gratulation an Herrn Witzschel und die Fabulous Six.

Wir haben Herrn Eberhard Witzschel besucht und interviewt. Er ist Inhaber der Sächsischen Teppichmanufaktur in Franklenberg. Sie ist eine der letzten Teppichmanufakturen in Deutschland.

Wir haben Reinhard Ruta besucht und ihm einige Fragen zu seiner Arbeit gestellt. Er ist Inhaber der Leinenweberei Hoffmann GmbH & Co. KG. Eine der letzten Leinenwebereien Deutschlands